Ganztagsschule und der Wandel von Kindheit

Was bedeutet der aktuelle Wandel für die Gestaltung von
Schulen?

Durch die zunehmende Ganztagsbetreuung der Kinder in Schulen ist ein (erneuter) Wandel des Kindheitsverständnisses eingeläutet. Bei genauerer Betrachtung haben Kindheit und Schule nie so fest zusammengehört wie heute. Das wirft nachstehende Fragen auf, die der  Artikel vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung des Kindheitsverständnisses näher beleuchtet: Was bedeutet der aktuelle Wandel für das Verständnis von Kindheit? Was heißt das für die Gestaltung von Schulen? Und, was steht hinter solchen Thesen, wie der Folgenden?

“Ganztagsschule, schulische Ferienbetreuung, Kinderhorte entpuppen sich klammheimlich zu Instrumenten der Enteignung der Kindheit und die verborgene Machtergreifung der öffentlichen Verwaltung des Menschen und seiner wirtschaftlichen Nutzbarkeit“
(DIE ZEIT zum Thema “Freiheit“, Mai 2014)

„Kindheit ist keine biographische Beschreibung, sondern immer von sozialen und kulturellen Bedingungen einer Gesellschaft abhängig. Das heißt Kindheit unterliegt immer dem Wandel, der sich in veränderten gesellschaftlichen Bedingungen abbildet“. (Michael S.Honig, 1999)

Ausgehend von diesem Verständnis, lohnt sich ein kurzer Rückblick:

Kindheit im 18. Jahrhundert – das ökonomisch genutzte Kind

Im 18. Jahrhundert wird ein Kind als „unfertiges, noch nicht echtes menschliches Wesen“ verstanden. (Johansen, 1986)

Dass die Entwicklung eines Kindes beeinflussbar ist und somit der Reifeprozess lenkbar, diese Erkenntnis entwickelte sich nur langsam. Und als sie ihren Weg in die gesellschaftlichen Schichten findet, prägt ein auf Härte und Unterwerfung geprägter Erziehungsstil die Zeit. Bildung (als Abbild gehobener sozialer Stellung), strenge Züchtigung und ein distanzierter, kühler Umgang mit den eigenen Kindern ist in privilegierten Schichten vorherrschend.

Anders in bäuerlichen und städtischen Arbeiterschichten, hier steht die frühe Erziehung zur Arbeit im Vordergrund. Um die Familie mitzuernähren und den Arbeitskräftebedarf in der aufkeimenden Industrialisierung zu sichern, werden Kinder massiv als billige, rechtlose Arbeitskräfte im Bergbau, in Textilfabriken und in der Landwirtschaft beschäftigt.

Kindheit im 19. Jahrhundert – erste Kinderrechte

Im Jahr 1893 ringt man sich in Deutschland in einem ersten Schritt durch und reglementiert die Beschäftigungsdauer von Kindern und Jugendlichen, möglicherweise auch, weil das Militär Alarm schlägt. Die harten Arbeitsbedingungen führen zu hoher Kindersterblichkeit und Krankheit, was einen signifikanten Mangel an militärtauglichen Rekruten nach sich zieht.

Die 9 bis 16-jährigen Kinder und Jugendlichen dürfen nun nicht länger als 10 Stunden täglich arbeiten. „Vom Menschen in Entwicklung hin zur Person aus eigenem Recht“ prägt dann auch die folgende Zeit. (Philippe Aries, 1988/1975)

Zum Ende des 19. Jahrhunderts keimt der Wohlfahrtsgedanke auf und bringt endlich Verbesserungen für die Aufwachsbedingungen von Kindern. Die Kinderarbeit wird in Deutschland verboten, die Schulpflicht eingeführt und ein Leitbild des Kindeswohls und der Schutzbedürftigkeit des Kindes anerkannt. Allen Kindern wird der Zugang zu Bildung gewährt.

Kindheit am Anfang des 20. Jahrhunderts – Kinder als Soldaten

Dieser Schutz-, Schon- und Lernraum für Kinder wird durch den Nationalsozialismus jäh unterbrochen und auf massive Weise verfremdet. Wieder wird das Erziehungsideal in einer auf Unterwerfung und Disziplin basierenden Haltung propagiert. Bereits die 10 bis 14- jährigen Kinder werden verpflichtet einer nationalsozialistischen Organisation beizutreten (Deutsches Jungvolk, Mädchenbund). Durch Härte, Drill und die Verbannung individueller Entfaltungsvorstellungen, lernen die Kinder früh dem “Volk zu dienen“.

Die 14 bis 18- jährigen gehen in Uniform zur Hitlerjugend und werden von 1941 bis 1945 als Flakhelfer und Soldaten rekrutiert. Am Ende des Krieges sind eine halbe Million Kinder Waisen und fast 20 Millionen Kinder Halbwaisen.

Kindheit ab den 1950er Jahren – das behütete Familienkind

Die Wohlstandsentwicklung der Wirtschaftswunderjahre veränderte die Sicht und die Aufwachsbedingungen dann im raschen Tempo: in den 1950er und 1960er Jahren wird die Familienkindheit idealisiert. Die Mütter sind als Hausfrauen tätig, erziehen die Kinder und sorgen für das emotionale Wohl der Familie. Die Väter hingegen sind berufstätig und übernehmen die Rolle des Familienernährers. Freunde finden die Kinder in der Nachbarschaft, mit denen sie auch einen guten Teil ihrer (unbeobachteten) freien Zeit verbringen.

Kindheit ab den 1970er Jahren – das freie nutzlose Kind

Die junge Generation der 1970er Jahre läutet eine breite gesellschaftliche Diskussion über Familie und gesellschaftliche Rollenerwartungen ein. Sie fordert mehr Individualität, Freiheit und Selbstbestimmtheit und probiert radikal neue Lebensformen aus. Neben der Familie als traditionelles Bezugssystem entstehen Wohngemeinschaften und Kommunen. Auch das Verständnis von Kindheit und Kinderrechten findet eine ganz neue Aufmerksamkeit in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.

In Teilen der Gesellschaft wird den Kindern mehr Eigenständigkeit und Selbstbestimmtheit eingeräumt als je zuvor (Summerhill, Pädagogik der Kinderläden u.a).

„Für Eltern werden Kinder zu emotionalen Beziehungspartnern und Sinnstiftern der eigenen Existenz. Das ist der Wandel vom ökonomisch nützlichen zum nutzlosen Kind“. (Zelizer, 1985)

Die Bildungsreform der 1970er Jahren ermöglicht Kindern aus Arbeiterfamilien über einen “zweiten Bildungsweg“ den Zugang zum Abitur und lösen auch damit starre gesellschaftliche Zuordnungen endgültig auf.

Die noch bestehende soziale Ungleichheit soll durch Chancengerechtigkeit im Bildungswesen minimiert werden. Mehr Kindergärten und Hortplätze, eine reformierte Lehrerausbildung, kleinere Klassen all das verbessert das Bildungswesen und die Entwicklungschancen von Kindern unabhängig von ihrer Herkunft.

Kindheit ab den 1990er Jahren – Kinder als Mangelware für Zunkunftssicherung

1990 verabschiedet die UN die Kinderrechtskonventionen. Einhundertdreiundneunzig Staaten unterzeichen sie und erkennen damit die Rechte und den besonderen Schutz der Kinder an. Dass die nachkommenden Generationen die ökonomische und wirtschaftliche Zukunft der Gesellschaft sind und diese Zukunftsressource gefördert und gelenkt werden muss, wird spätestens deutlich, als die Auswirkungen des demographischen Wandels erkennbar werden.

Viel zu wenige Kinder werden in Deutschland geboren, um der Arbeitswelt einmal in ausreichender Quantität und Qualität zur Verfügung zu stehen.

Der Wohlstand der Gesellschaft ist in Gefahr.

Daraus folgt, dass dringend bessere Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geschaffen werden müssen. Beide Elternteile müssen Vollzeit arbeiten können. Und, gut ausgebildete Frauen müssen Vertrauen in die Betreuungsangebote entwickeln können, um wieder mehr Kinder bekommen zu wollen.

Und somit gehört der Ausbau von Ganztagsschulen in den Kontext des Wandels von Kindheit.

Bestand noch bis vor Kurzem eine Art gesellschaftliche Übereinkunft darin, dass Kinder am Vormittag die Schule besuchen und am Nachmittag Spiel und andere Freizeitaktivitäten im öffentlichen Raum stattfinden, so werden diese Aktivitäten schrittweise in institutionalisierte Räume verlagert.

Um Familie und Beruf vereinbar zu machen, entstehen von der Krippe bis zur Schule Betreuungsangebote, die möglichst lückenlos sind und absichern, dass Kinder von 7.00 Uhr bis 18.00 Uhr betreut werden können.

Ganztagsschulen bedeuten das Ende der Familienkindheit, aber ist es auch die Enteignung der Kindheit durch den Staat?

Man mag kritisieren, dass sich die elterliche Arbeit nicht den Bedürfnissen der Familie anpasst sondern die familiäre Planung der Arbeitswelt. Aber es ist der Beginn eines Wandlungsprozesses, der hoffentlich bald eine breitere öffentliche Aufmerksamkeit gewinnt.

Schulen müssen sich mehr als bisher mit der Frage beschäftigen, wie Schule ein entwicklungsförderlicher, Schutz bietender Lebensraum für Kinder wird. Nach dem strukturellen Umbau der Halbtagsschulen in Ganztagsschulen, geht es nun um die Entwicklung der Qualität von Ganztagsschulen.

Und es geht nicht zuletzt um die Frage, wie Kinder und Eltern in diesen Entwicklungsprozess einbezogen werden.

Coaching, Schulbegleitung, Großgruppenmoderation